Schrift und Film

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Florian Krautkrämer

Einsatz von Schrift im Stummfilm Die Schrift im Film kann als Hinweis auf die Unvollständigkeit des Bildes gelesen werden. Darauf zielte auch die Kritik, die vor allem den Zwischentiteln des Stummfilms entgegengebracht wurde. Im Sinne der Moderne [1] und der Eigenständigkeit der Künste musste der Film vor allem mit dem Überzeugen, das ihn von anderen Formen unterschied: dem Bild - und nicht mit dem geschriebenen Wort, das die Kritiker zu sehr an Theater und Roman erinnerte und damit auch an die Unvollkommenheit dieses neuen Mediums gegenüber seinen traditionsreichen Verwandten. Aufgrund der Tatsache, dass der Alltag in zunehmendem Maße von Schrift durchdrungen ist, zogen sich diverse Ratgeber darauf zurück, dass man schriftliche Informationen doch zumindest in Form von Briefen, Zeitungen und Zetteln in die Kamera halten könnte, um die direkte Adressierung des Publikums durch die Zwischentitel [2] zu vermeiden. Vorteile der Zwischentitel sah man darin, dass sie die Augen entspannen konnten, wenn sie von zu viel bewegten Bildern angestrengt wurden oder dass sie dabei halfen, visuelle Stereotypen zu vermieden. („Am nächsten Tag“ als Zwischentitel einzublenden war schneller, als eine Einstellung der untergehenden und dann der aufgehenden Sonne zu zeigen.) Beispiel:

Der müde Tod (D 1921, Regie: Fritz Lang) Zusammenfassende Funktion von Zwischentiteln z.B. bei 3 Minuten. <iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/-fCVSE0vQeE" frameborder="0" allowfullscreen></iframe>

Im frühen Tonfilm Mit der flächendeckend Einführung des standardisierten Tonfilms wurde die Schrift an den Rand gedrängt: zeitlich am Anfang und Ende des Films in Form von Vor- und Abspann [3]; und räumlich in Form von Untertiteln [4]. Diese beiden Einsatzgebiete könnten unterschiedlicher nicht sein. Geht es bei der Vorspanngestaltung um eine visuell möglichst ausdrucksstarke Gestaltung der Schrift und weniger um das konkrete Lesen der dort ausgeschriebenen Namen, handelt es sich bei den Untertiteln um Lesetypographie. Die Visualisierung des Gesprochenen muss schnell rezipiert werden und darf dabei nicht auffallen. Erst die weißen Untertitel auf Schnee erinnern das Publikum daran, dass man die im Film gesprochene Sprache nicht versteht. Beispiel Vorspann des ersten Tonfilms The Jazz Singer (USA 1927, Regie: Alan Crosland) Ton <object width="640" height="360" classid="clsid:D27CDB6E-AE6D-11cf-96B8-444553540000" id="ep_655"><param name="allowfullscreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="wmode" value="direct" /><param name="movie" value="http://cvp1.cdn.turner.com/xslo/cvp/assets/container/2.5.6.1/cvp_embed_container.swf?site=tcm&profile=8&context=embed&contentId=299905" /><param name="bgcolor" value="#000000" /><embed src="http://cvp1.cdn.turner.com/xslo/cvp/assets/container/2.5.6.1/cvp_embed_container.swf?site=tcm&profile=8&context=embed&contentId=299905" type="application/x-shockwave-flash" bgcolor="#000000" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" width="640" wmode="direct" height="360"></embed></object> (Falls das nicht geht, anderer Embed-Link): ab 1 Minute 9 Sekunden <iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/Amus3T8elwQ" frameborder="0" allowfullscreen></iframe>

Im Autorenkino der 1960er und 1970er Jahre Diesen Erinnerungseffekt der Schrift machten sich auch die sogenannten Autorenfilmer der 1960er und 1970er Jahre zu eigen. Vor allem in den Filmen von Alexander Kluge [5] und Jean-Luc Godard [6] ergänzt die Schrift das Bild in Form von Zwischentiteln, hinterfragt und kritisiert es durch unvermittelte Einblendungen. In La Chinoise [7] wird andauern auf Wände und Zettel geschrieben, aber man warf dem Filmemacher Godard dann auch vor, dass das Geschreibe zwar den Apparat thematisiere, nicht aber die Haltung dahinter. In Vent d’est [8] des Kollektives Groupe Dziga Vertov [9] wird die Schrift durchgestrichen, bis sie unleserlich ist – ein Stilmittel, das etwas später dann auch Peter Greenaway [10] in seinen Filmen nutzte: Schrift, die als Schrift erkennbar, aber nicht mehr im herkömmlichen Sinn lesbar war.

Im Experimentalfilm Experimentelle Schriftfilme [11] waren da immer schon weiter. Hier musste der Apparat nicht mehr dezidiert thematisiert werden, der Filmstreifen war sowieso bloß eine erweiterte Schreibunterlage, auf der Wörter Buchstaben für Buchstaben und Kader für Kader eingeritzt wurden. Stan Brakhage [12] signierte so seine Filme. Marcel Duchamp [13] und Michael Snow [14] machten Filme, die nur aus Buchstaben bestanden; die Avantgarde Filmemacher*innen Hollis Frampton [15] und Joyce Wieland [16] schrieben über Bilder: „Wenn man mal lesen gelernt hat, kann man nicht mehr nicht lesen“, so Frampton [Fußnote: Schriftfilme Schrift als Bild in Bewegung Hrsg. Bernd Scheffer, Christine Stenzer, Peter Weibel, Soenke Zehle. Berlin: Hatje Cantz 2014]

Beispiel So Is This (Kanada 1982 Regie Michael Snow)

<iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/J48XKZ18qtU" frameborder="0" allowfullscreen></iframe> In der aktuellen Filmproduktion Dieses Oszillieren zwischen Erkennen und Lesen zeichnet auch aktuelle Schrift-Bild-Kombinationen Im Film aus. Schrift bedeutet hier meist Interface, Touchscreen und Computer, sie markiert in Thrillern beispielsweise die Maschine, die Bilder liest und mittels Gesichtserkennung Typen tagged und beschriftet. Lesbar muss das für das Publikum nicht mehr sein, es genügt zu erkennen, dass die Maschine lesen kann. Beispiel

Verwendung von Surface Computing [17] und Multi-Touch-Screens [18] in der TV Serie CSI Miami (USA 2002-2012, Showrunner Ann Donahue) <iframe width="560" height="315" src="https://www.youtube.com/embed/wX_i2vhnVKQ" frameborder="0" allowfullscreen></iframe> In der Vermischung von Schrift und Bild, die der Screen, in diesem Fall der Computerbildschirm, inzwischen darstellt, kommen wir wieder beim Stummfilm an. Nicht nur bezüglich der Dauer der kurzen Filmchen, die in der Timeline von Facebook beim Scrollen nach unten von alleine starten, sondern auch in der Funktionszuweisung der darin erscheinenden Schrift. Die Produzent*innen wissen, dass ihre Filme stumm laufen und liefern die benötigten Informationen schriftlich nach. Schließt sich damit der Kreis, oder loten wir gerade das Verhältnis von Schrift- und Bildsprache im Film neu aus?