Storytelling

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„Homo narrans? – Storytelling im Wandel von der Moderne über die Postmoderne bis ins Internetzeitalter“

Natalie Gravenor

Einleitung

Der Mensch eignet sich die Welt an und gibt sein Verständnis durch Narration, also das Geschichtenerzählen, weiter. Auf dieses kollektive, dialogische, orale und mehrstimmige Erleben und Verarbeiten der condition humaine, der Erfahrung des Menschseins, bauten sich über die Jahrtausende alle Kunstformen auf. Alle Formen der Literatur, darstellenden Künste, Musik, später Film und Medienkunst, selbst der bildenden Künste haben narrative Momente, in manchen Disziplinen sind sie stärker ausgeprägt als in anderen. Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) hat in seiner Schrift „Poetik“ strukturelle und funktionale Grundlagen des Erzählens festgelegt, die z.T. noch bis heute als allgemeingültig betrachtet werden: die Dreiaktstruktur (Exposition-Konfliktzuspitzung- Auflösung); der Konflikt zwischen Protagonist*innen und Antagonist*innen als notwendige Bedingung der Erzählung; die Katharsis („reinigendes“ Ereignis, das im Guten oder Bösen die Auflösung einleitet und beim Zuschauer Empathie mit den Protagonist*innen erzeugen soll).

Über die Millennia sind das Kollektive, Polyphone und Mehrstimmige zugunsten der Persönlichkeit und Perspektive eines genialen Schöpfers oder Autors bzw. Autorin sowie einer monodirektionalen Rezeption und Rollenfestschreibung in den Hintergrund getreten. Will heißen, dass die Grenzen zwischen Autor*in und Leser*in/Betrachter*in/Zuschauer*in/Zuhörer*in fix sind und es für die Rezipient*innen keine Rückkopplungsmöglichkeiten gibt.

Zwei künstlerische Bewegungen haben die allmächtige Rolle der Autor*in hinterfragt und die Konstruktion der narrativen Welt durch den Schreibprozess und Stilmittel offengelegt.

Moderne

Die Moderne (ca. 1890-1965) gilt als ästhetische Grunderneuerung und als kulturelle Reaktion auf gesellschaftliche Umwälzungen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts: Industrialisierung und Neuordnung der Klassenverhältnisse, fortschreitende Säkularisierung im Zuge der Aufklärung, Übergang von mythischen zu rational-wissenschaftlichen Welterklärungsmodellen wie Evolutionstheorie, Psychoanalyse und Relativitätstheorie bei gleichzeitiger Zelebrierung der irrationalen Kräfte im Menschen. Gerade die Irrationalität erschien die einzige Erklärung für die in der Form nie dagewesene und durch frühe Massenmedien wahrgenommene Gewalt des 1. Weltkriegs. Die Moderne umfasste alle Kunstsparten, und als ihr zugehörig gelten Autor*innen mit vielfältigsten Stilen und künstlerischen Projekten: James Joyce, Virginia Woolf, Marcel Proust, William Faulkner, Ezra Pound, Franz Kafka, Gertrude Stein u.v.m.

Was sie vereint:

  • das Experiment mit Struktur und Stil,
  • die Fragmentierung der narrativen Illusion,
  • Hinterfragung der allmächtigen Autorenpersönlichkeit und der zwangsläufigen Identifikation der Leser*innen mit der Haupterzählperspektive (Einführung von unzuverlässigen Ich-Erzähler*innen, lügenden Rückblenden u.ä).

Kurz gesagt, die Moderne stellt die kulturelle Hegemonie der nahtlosen Erzählung und somit auch die herrschende Gesellschaft in Frage. Gleichzeitig sind Künstler*innen der Moderne auch Erneuerer; sie glauben noch an das Potenzial einer Kunst (und des Storytellings), nur mit radikalen anderen Stilmitteln, die mitunter auch schon in früheren Epochen zum Einsatz kamen.

Postmoderne

Während die Moderne noch narrative Momente beinhaltet, verkündet zumindest die Postmoderne (ca. 1950-2000) das Ende der „großen Erzählung“, so wie es der französische Philosoph Jean-Francois Lyotard feststellt. Kulturwissenschaftler*innen sind sich nicht ganz einig, ob die Postmoderne eine Gegenreaktion oder Fortsetzung der Moderne mit Modifikationen ist, wie die Vorsilbe „Post-“ impliziert. Der kulturellen Bewegung, deren Anfänge unterschiedlich datiert werden, zurückreichend bis in die 1930er Jahre und früher, mit einem Höhepunkt Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, werden diese wesentlichen Merkmale zugeordnet:

  • Dekonstruktion, d.h. Offenlegung der Konstruktion eines Kunstwerks oder einer Erzählung durch Verfremdung, Intertextualität, Brüche, Verweise auf den Raum außerhalb des Werks statt Erschaffung eines ästhetischen Illusionsraumes
  • Ironie, Parodie, Zitieren stellen „Originalitätsanspruch“ in Frage
  • Stil- und Genremix (Eklektizismus)
  • Oberfläche und „Simulacrum“ statt Tiefe und Authentizität
  • Bewusstsein, dass alles gesellschaftlich determiniert/konstruiert ist
  • die Bedeutung der Autor*innen wird verschoben zugunsten der Rezipient*innen, durch deren Interpretationen das Werk erst entsteht („Tod des Autors“ nach Roland Barthes)

Manche Techniken und Ansätze der Postmoderne wurden bereits in Moderne erprobt, z.B. die bewusste Herausstellung der angewandten Stilmittel oder die Darstellung von vielfachen oder fragmentierten Identitäten, auch wenn die Existenz der Identität als solches bestritten wird. Die Postmoderne dagegen stellt Identität als Konstruktion dar; es wird auch von Identität als „Performance“ gesprochen (vgl. Judith Butler, die in ihrem Buch Gender Trouble (1990) Genderidentitäten als fluide und mitunter bewußt inszeniert herausgestellt hat). Die Moderne steht – bei allen Brüchen mit der Vergangenheit – für den Glauben an eine bessere Gesellschaft mit der Kunst als treibender, progressiver Kraft. Bei der Postmoderne ist diese Gesellschaft lediglich ein Konstrukt, die durch eine aussterbende „große Erzählung“ konstituiert wird; der Postmoderne werden folglich moralischer Relativismus, Beliebigkeit und Zynismus attestiert. Manche sehen die Postmoderne als Bestärkung der amoralischen, scheinfixierten Konsumgesellschaft, andere erkennen in ihren spielerischen Techniken großes emanzipatorisches Potenzial und neue ästhetische Möglichkeiten.

Der Filmemacher Jean Luc Godard, zeitlich und stilistisch zwischen Moderne und Postmoderne angesiedelt und Gesten beider Bewegungen in sich vereinend, hat gesagt, dass ein Film Anfang, Mitte und Ende haben sollte, „nur nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge“. [1] Das bringt es eigentlich auf den Punkt.

Das Internetzeitalter (ab ca. 1990)

Nachdem sowohl die Moderne und auch die Postmoderne das Formenrepertoire der Erzählung erweitert haben, ermöglichte ab Mitte der 1990er Jahre das Internetzeitalter:

  • die Kollaboration verschiedener Personen, die in Echtzeit gemeinsam an einer Geschichte arbeiten (kollektive Erzähler*innen)
  • die Überarbeitung/Neuzusammensetzung/Weiterentwicklung einer Erzählung – "work in progress" statt "in Stein gemeißelt“
  • die Verbreitung von Geschichten außerhalb starrer, hierarchischer (ökonomischer) Strukturen
  • die Demokratisierung des Geschichtenerzählens – Crowdsourcing und Aufstieg des Prosumers
  • verschiedene Grade der Immersion in eine Erzählwelt sind möglich und erwünscht, je nach Wunsch der Rezipient*innen

Beispiele für Filme, die von Struktur und Optik des Internets und der neuen digitalen Medien beeinflußt sind


TV-Serie: House of Cards (USA 2013 ff., Showrunner David Fincher und Beau Wilmon):

Einblendung von SMS-Verläufen als dramaturgisches Moment


Spielfilm: Matrix (USA 1999, Regie Andy (Lilly) and Larry (Lana) Wachowski):

Gamesästhethik, „Bullet Time“, also der subjektiven Verlangsamen und Fokussierung auf ein Objekt (hier eine Pistolenkugel)


Spielfilm: Blair Witch Project (USA 1999, Regie: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez):

begründete das Subgenre des „Found Footage Horror Films“; erster Film, der durch eine Internetkampagne über 250 Millionen Dollar einspielte (bei 60.000 Dollar Budget)


Dokumentarfilm: Life in a Day (GB 2011, Koordinierender Regisseur Kevin MacDonald):

Montage von Einzelbeiträgen, die über Crowdsourcing eingeholt wurden. Es wird ein Tagesablauf auf der ganzen Welt wiedergegeben.


Musikvideo: Pork & Beans (USA 2008, Musik Weezer, Regie Matthew Cullen)
:

Montage von Darbietungen verschiedener YouTube Stars

Einzelnachweise

  1. Antwort von J.-L. Godard auf eine Frage des Regisseurs Georges Franju bei einer Pressekonferenz, Filmfestival Cannes, 1962)